07
Mai
09

Die Sonne, der Mond

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Die meisten Besucher reisen an’s Mittelmeer wegen der Sonne. Sonne, Sex und Sangria.

Wenn man aber hier lebt und einmal mit den Mallorquinern spricht, stellt man plötzlich fest, daß die Hiesigen nicht auf allzu gutem Fuß mit der Sonne stehen. Die Ortschaften in Mallorca sehen immer so verlassen aus, vor Allem im Sommer. Alles ist verschlossen. Die Fenster sind mit Schlagläden versehen, die die Sonne abhalten und gleichzeitig die Hitze aus dem Haus fernhalten sollen. Die Persianas sind eine geniale Erfindung.

Die Mallorquiner haben einen großen Respekt vor der Sonne. Wenn man sich die traditionelle Architektur in Mallorca einmal ansieht, wird man feststellen, daß die meisten alten Bauernhäuser auf dem Land überraschend wenig Fenster aufweisen mit eher kleinen Abmessungen. Moderne Fincas, die von betuchten Nordeuropäern umgebaut worden sind, weisen dagegen jede Menge Fenster auf, die alle so groß wie nur irgendwie möglich sind. Was wissen die Landbewohner auf Mallorca, das wir nicht wissen? Oder besser: was wussten die mallorquinischen Bauern vor langer Zeit von der zerstörerischen Kraft der Sonne, und was könnten wir von ihnen lernen?

Um bei den Bauern zu bleiben: sie haben die Sonne immer respektiert, und sie haben sich vor ihren unerbittlichen Strahlen immer etwas gefürchtet. Aber sie haben nie entsprechend dem Ablauf der Sonne gelebt und sich auch nicht bei der Arbeit auf dem Land nach ihr gerichtet. Ganz im Gegenteil. Mallorquinische Bauern sind immer eher dem Mondkalender gefolgt, und soweit sie noch auf dem Land tätig sind, tun sie das auch heute noch. Obstbäume werden nach dem Mondkalender beschnitten, Pflaumen werden nach ihm auf Mandelbäume aufgepfropft, neue Bäume werden nach ihm gepflanzt, die Aussaat richtet sich nach ihm, ebenso wie die Weinlese, das Besamen ihrer Schafe, Schweine oder Pferde, und sogar das Haareschneidenlassen wird nach dem Mondkalender festgesetzt. Ich würde sagen, daß das Landleben auf Mallorca sich weit mehr nach dem Mondkalender richtet als nach dem Sonnensystem. Und das war wohl schon immer so. Dafür gibt es viele Beispiele, die Landwirtschaft ist nur eines davon.

Robert von Ranke-Graves, der englische Schriftsteller und Dichter (1895-1985), ist ein weiteres Beispiel. Der Schriftsteller hatte eine ausgeprägte Haltung zum Mond auf Mallorca. Er war anscheinend vom Mond auf der Insel viel mehr fasziniert als von der Sonne. Er sprach von der Mond-Göttin als seiner Muse. Er hatte fast sein gesamtes Leben als Erwachsener auf der Insel verbracht, wo er bis zu seinem Lebensende auch lebte. Seine Faszination für den Mond kann man in vielen seinen Gedichten widergespiegelt finden, und auch in seinem Buch Between Moon and Moon: Selected Correspondence. Das Buch wurde 1984 veröffentlich, scheint aber nun vergriffen zu sein.

Ein neues Buch ist soeben erschienen mit Gedichten von Robert von Ranke-Graves, das liebevoll in einer zweisprachigen Version (Katalan-Englisch) herausgegeben wurde. Die Gedichte stehen dabei in der englischen Originalversion der katalanischen Übersetzung auf der gegenüberliegenden Seite gegenüber. Von Ranke-Graves Gedichte, die er in einem fremden Land geschrieben hat, wo er sich entschlossen hatte, zu leben, und sein Umgang mit den Worten nehmen plötzlich eine ganz andere Qualität an, sobald sie einer behutsamen und sensiblen Übersetzung der hiesigen Sprache gegenüber stehen. El país que he escollit (Edicions del Salobre) kann uns einen ganz neuen Eindruck vom kraftvollen Reichtum von Graves‘ Gedichten geben, wie auch von der wunderschönen Finesse der katalanischen Sprache. Und vielleicht auch, ganz nebenbei, einen neuen Eindruck von Mallorca.

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Das Foto stammt aus meinem Bildarchiv. Es wurde in der Nähe von Deià, Mallorca, Balearen (Spanien) aufgenommen. Das Datum: 27. November 2008. Die Uhrzeit: 13:15:58. Das Foto zeigt die Rasierutensilien von Robert von Ranke-Graves in Ca n’Alluny, gleich außerhalb von Deià. Das Haus von Robert von Ranke-Graves ist als Museum eingerichtet und kann besichtigt werden. Ein Besuch lohnt sich.

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